Aus dem unveröffentlichten Tagebuch der Sozialistin Erna P. in Wien von 1941

Fr., den 23. November 2018, 20.00 Uhr (Teil 1)
&
Fr., den 30. November 2018, 20.00 Uhr (Teil 2)

 

Café LAIKA (Neukölln)
Emser Str. 13

12051 Berlin (S+U Neukölln).

EINTRITT FREI // Spende am Ende

Lesung aus einem unveröffentlichten Tagebuch.

Infos und Facebook-Event HIER.

Premiere!

Erna, 34 Jahre alt, ist Mutter von zwei Kindern, Feministin, Sozialistin und leidet unter der Politik des 3. Reiches und unter ihrem Ehemann, der strammer Nazi ist. Ihre beste Freundin Frau Weißmann ist Jüdin und lebt in ständiger Angst vor der Deportation. In ihrer Freizeit komponiert sie, u.a. für eine junge Freundin, Grete Pikal, die Nationalsozialistin ist; doch ihr präsentiert sie auch Vertonungen von Gedichten des anarchistischen Schriftstellers Erich Mühsam.

In ihrem Tagebuchschreibt schreibt sie über die politischen Veränderungen, innere Seelenkämpfe (wie weit kann sie sich offen gegen das Regime stellen, ohne dass ihre Kinder die Mutter verlieren), Literatur und Philosophie (sie verehrt den Philosophen Wilhelm Börner, dessen Schülerin sie war) und das zerrüttete Verhältnis zu Ehemann und Mutter. Oft ist sie aber überwältigt vom Schönen, das ihr im Kleinen immer wieder wiederfährt – Nähe zu Freunden, die Liebe zur Musik und Dichtkunst, das Glück, anderen helfen zu dürfen.

Zitate:
1.) Aus dem ersten Teil der Lesung (Freitag, 23. November 2018):

„Heut kam Nachricht von Frau W. Sie erwähnt in Verbindung mit ihrer Wohnungsangelegenheit die Umsiedlung der Juden nach Polen. Hoffentlich bleibt ihr diese ‚Lösung‘ erspart.
Sie ist – ich fürchte: der einzige – Mensch, der mit mir zufrieden ist. Allen anderen mache ichs nicht recht. Mir kommen oft die Tränen, wenn ich daran denke, wie ich von meinem Ehegefährten bewertet werde. Er ist mit keiner meiner Eigenschaften einverstanden; alles ist minderwertig oder dekadent oder gar „jüdisch beeinflusst“. Ich hasse nichts so sehr wie kriecherische Schmeichelei – aber das Gegenteil davon, das unbarmherzige und lieblose Entblößen des anderen und das Herabzerren und Entstellen und Missverstehen jeder seelischen Regung, ist auch oft schmerzlich genug. Und was will ich denn? Helfen; dienen; teilhaben an den Kulturgütern der Menschheit; wissen, um besser dienen zu können; wissen, um objektiv und gerecht bleiben zu können; lieben möchte ich und geliebt werden; geben möchte ich und empfangen; glücklich möchte ich sein.“

„Nur einen Menschen weiß ich noch, den die Geschehnisse mit derselben schamvollen Verzweiflung erfüllen wie mich – Herr Smejkal. Aber die meisten Menschen leben wie die neugeborenen Katzen dahin: blind für die Umgebung, aber voll gesundem Trieb, die eigenen Nahrungsquelle zu finden und festzuhalten. Ob sie dabei andere verdrängen – was kümmert es sie?! Sie bemerken es nicht einmal in ihrer Lebensgier. Ist das unsere vielgepriesene Kultur? Alles nur Tünche.“

„Einsam lebe ich und verhüllt. Manchmal ist mir, als bürge ich meine Seele in sieben Schleiern.“

2.) Aus dem zweiten Teil der Lesung (Freitag, 30. November 2018):

„Mein Mann meinte neulich, ich liebte das gefährliche Spiel mit dem Feuer. Er hat nicht recht: Ich liebe es nicht, sondern ich tue, was ich muss, und es ist kein Spiel, sondern grausamer Ernst. Alle meine Angst, mein Zittern – dies ist kein Spiel. Ich spiele nicht mit dem Feuer – ich stehe selbst in Flammen.“

„Als wir gestern durch den 1. Bezirk gingen, begegneten wir immer wieder Menschen mit dem gelben Stern an der linken Brust: Das Mittelalter ist wieder auferstanden wie ein düsteres Gespenst der Unduldsamkeit. Welch ein quälender und beschämender Anblick war es für mich! Ich habe gelitten, als ob ich selbst zu den Gezeichneten gehörte und nachts viele Stunden wach gelegen. Kleine unschuldige Kinder – blasse Geschöpfchen – alle gezeichnet: Es ist ein herzzerreißender Anblick. Wie werden es meine Freunde ertragen? Werden sies überhaupt ertragen?“

„Der Brief, den ich gestern von Frau Weißmann erhielt, hat mich froh gemacht. Also habe ich nicht umsonst an den Gitterstäben gerüttelt, darin sich der Mensch als Individuum einschließen möchte: Das Gitter ist gebrochen. Habe ich nicht umsonst alle meine Liebe auf den Eispanzer der Scheu und des Einsamseinwollens brennen lassen: Der Panzer ist weg, und ich habe es schriftlich. Ich hätte jauchzen mögen, da mir dies gelang.“