Das Swing-Tagebuch des Bruno W.

Berlin 1937–1939
1 Tagebuch, 2 Lesende, 6 Tanzeinlagen, etwa 400 Bilder und ein paar Geräusche.
Es lesen Julia Marlen Mahlke und Theodor Schmidt, Bildregie führt Jörg Meyerhoff.

Hier der Trailer der Lesung. Sie wurde schon in Berlin, Hamburg und München aufgeführt.
Lesung Swing Hamburg_BrunoW._kl

Bruno Wallor aus Berlin-Friedrichshain ist 19 Jahre alt, als er sein Tagebuch beginnt. Sein Hauptinteresse gilt dem Swingtanz und den Frauen.
Zusammen mit seinem Bruder hat er einen Liebeskeller eingerichtet. Bruno geht oft aus. Er berichtet von den Tanzdielen an der Ecke und den glamourösen Vergnügungspalästen Berlins. Er schildert seine Tricks, günstig durchs Nachtleben zu kommen und billig an einen Kuss. Mit Liebeskummer kennt er sich bald ebenso gut aus wie mit Verhütungsmitteln. Seine Sprache ist flapsig, sein Lebenshunger groß.

Zusammen mit vielen Bilddokumenten und sechs Tanzeinlagen zu Originalmusik ergeben Brunos Notizen einen lebendigen Eindruck vom Jungsein in den letzten 30 Monaten vor dem 2. Weltkrieg.

Schrifthintergrund_kl

Im folgenden ein paar Auszüge der Lesung. Die kursiven Kommentare stammen von Jörg Meyerhoff, der die Lesung organisiert.

 

Sonntag, den 24. April 37.

Ich geh mit Gattin zur Femina.

Die Femina in der Nürnberger Straße hinterm KaDeWe nannte sich das Ballhaus Berlins. Im 1929 erstmals eröffneten Ballsaal mit zwei Etagen fanden über 2000 Besucher Platz. Das Dach ließ sich elektrisch öffnen. In Sommernächten schimmerten über der angenehm belüfteten Tanzfläche die Sterne. Zigarren, Streichhölzer, Parfums oder einen kleinen Kamm konnte man über eine druckluftbetriebene Rohrpost bestellen und auch direkt an den Tisch liefern lassen. 225 Tischtelefone ermöglichten Verabredungen an einer der zwei Riesenbars oder Flirts in alle Himmelsrichtungen. Wer sich diesen Luxus leisten wollte, musste normalerweise für den Eintritt tief in die Tasche greifen und im Parkett Wein oder Sekt trinken. Bier gab es ausschließlich oben auf dem Rang. Am Nachmittag, zum Tanztee, war der Eintrittspreis günstiger. Zum täglichen Programm der Femina gehörten internationale Tanz-Akrobaten und -Komiker. Das waren Tanzpaare, die mit künstlerischen oder komischen Show-Einlagen durch die Ballsäle Europas tingelten. Damit das Publikum die Darbietungen besser sah, hob man die größte der vier Femina-Tanzflächen hydraulisch an. Die besten Orchester wie etwa Oskar Joost und seine 15 Solisten oder Teddy Stauffer machten die Femina über Jahre zum führenden Swingpalast Berlins.

Bruno W.

Um dreiviertel 4 stehen schon die Leute draußen und warten. Kaum sitzen wir, da kommt schon ein Ober und bietet Kuchen an. Ich frage, ob Gedeckzwang wäre, und er verschwindet. Dann bestelle ich Eisschokolade, der Ober bedient mich sehr höflich; trotzdem gebe ich kein Trinkgeld. Die Kapelle Oskar Joost ist hervorragend gut. Auch die beiden Tanzeinlagen werden vollendet gebracht. Ich unterhalt mich mit ihr sehr nett, und wir mustern die andern Leute. Der Raum ist sehr nett ausgestattet, die Läufer sind noch nicht so durchgelaufen wie im Moka Efti.
Um halb 7 räumen die Ober erbarmungslos alles ab. Und ich fahr mit Gattin nach Hause. Habe die Liebeskeller-Schlüssel, und um 8 Uhr gehen wir in den Keller.
Sie hat noch ihre Geschichte und so kriechen wir beide halbausgezogen in den Sack. Nach so’n bißchen knutschen und so – das andere geschieht auch wieder, ich will’s aber von heut an bestimmt nicht mehr tun – schlaf ich ein; sie auch. Das Aufstehen fällt verdammt schwer, und so rappeln wir uns um halb 12 glücklich auf und ich bring sie zur U-Bahn. Ich kann wohl sagen, der Tag ist hundertprozentig gelungen.

Bruno verwendet eine eigene Jugendsprache. So steht bei ihm Puffern für Swingtanzen. Entsprechend ist ein Pufferboy ein männlicher Swingtänzer, eine Swingtänzerin nennt Bruno dagegen Pufferrike.

 

Sonnabend, 3. Juli 37.

Nach 83. Rudi Rabe kommt mit. Keule kommt später nach, und so ist wieder das richtige Trio beisammen. Die kleine, süße Traute, stark erblondet, ist auch da mit nem Boy und begrüßt mich mit wirklich freundlichem Lächeln. Langsam entwickelt sie sich. Der Rheingau ist doch wirklich ein Sprungbrett zu Gott Terpsichore.
Ja, ich tanz mit ner Pufferrike, Kreuz Handfeger, mit von hinten auf die Brust fassen. Keule macht mit der Blonden von dem ehemaligen Pufferboy flott, da sie aber verlobt ist, läßt sie sich nicht nach Haus bringen. Nette Zustände sind das. Meine Pufferike frage ich, wie lange sie noch bleibe; eigentlich wollte ich sie nach Haus bringen, da aber Keule und Rudi gehen, hau ich auch ab.
Wir machen noch unsere Mätzchen; rennen mit der Straßenbahn mit, lutschen Eis. Dann gehen wir nach Fernamt Lichtenberg und singen laut und vernehmlich „Nachts ging das Telephon“ und schmeißen Mörtel in die Hausvermittlung. Eilig ergreifen wir dann die Flucht.

 

Stahnsdorf, 12. 2. 39.

Edelgard Gehrmann.
Meinen neuen Stern habe ich am 1. Weihnachtsfeiertag im Rheingau kennengelernt. Ich hatte von Heiligabend bis zum 1. Feiertag Feuerwache in der Kaserne. Als wir um 18 Uhr abgelöst waren, rollte ich mit 80 Sachen nach Haus, Uniform aus, Zivil an und ab Richtung ’83. Der Laden war gerade so voll. Mit kundigem Auge peilte ich die Sachlage an und konstatierte, daß das meiste Volk am Eingang saß. Nach ein oder zwei Tänzen, bei denen ich mit alten Bekannten Erinnerungen austauschte, startete ich auf ein direkt an der Tür sitzendes Mädchen – mit Tiefstart versteht sich. Mit gekonnter Routine verwickelte ich das kleine, junge Mädchen sofort in ein mehr oder minder (wie’s eben so bei einem Tanzgespräch ist! –) interessantes Gespräch über Schule usw., usw. Jedenfalls vermied ich es ängstlich über Wetter, Kapelle, Parkett oder Beleuchtung zu sprechen, was mir auch glänzend gelang, denn sie ging sofort auf meinen Kokilores ein und ulkte mit. Nach alter Erfahrung bestellte ich gleich nach dem ersten Tanz und landete dann auch wieder mit einem prachtvoll gelungenen Tiefstart bei ihr, worüber sich ihre Cousine prächtig freute. Sie machte immer den schüchternen Versuch nicht hinzusehen, wenn ich kam; aber bei meiner überströmenden Freundlichkeit war das garnicht möglich. Zwischenstarts von anderen Boys scheiterten einfach an meiner Routine, trotzdem ich ja immer bestellt hatte. So hatte ich wieder mal – seit langer Zeit – einen 100 %-Abend verbracht, als ich sie ganz ritterlich – ich möchte das betont wissen – nach Treptow, Herkomerstr. 8, nach Hause brachte. Vor der Haustür stellte ich mich vor; doch sie wollte ihren Namen nicht nennen. Ich verwarnte sie nochmals, wenn sie nicht kommen würde zu unserer Verabredung, würde ich solchen Wind schlagen, daß die Leute aus den Türen gucken würden. „Sie wissen ja garnicht, wo ich wohne.“ Doch, ich warte ja so lange, bis sie Licht anmachen. „Na dann mach‘ ich eben keins an.“ Ich drückte ihr die Hand – nur die Hand – und rollte heimwärts.

Swingkid S.109_kl